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Presseberichte 2011

Die Inklusion ist das neue, heiß umstrittene Thema für die Schulen

14.12.2011 | Pressebericht der Märkischen Allgemeinen

Wieder einmal soll das Bildungssystem in Brandenburg umgekrempelt werden.Dabei ist die Inklusion an sich wenig umstritten, doch die von der Landesregierung geplante Umsetzung sorgt für Diskussion.

Peter Awe, Schulleiter der Geschwister-Scholl-Schule Perleberg, sowie Landtagsabgeordneter und CDU-Bildungsexperte Gordon Hoffmann legen ihre Ansichten dar.

 

PRO

In unserer Gesellschaft ist jeder Bürger wertvoll. Alle Menschen haben Handicaps, bei manchen Menschen sind diese etwas stärker ausgeprägt. Der Mathematikprofessor hat vielleicht zwei linke Hände. Die inklusive Schule ist die Chance, dass alle mit ihren Handicaps wahrgenommen, gefördert und gefordert werden.

Schüler mit den Förderschwerpunkten Lernen, Verhalten und Sprache sollen in Brandenburg, so erklärte es Bildungsministerin Münch, ab 2015 nur noch in Grundschulen eingeschult werden. Schon jetzt werden Schüler mit diesen Förderschwerpunkten nur in wenigen Fällen in Förderschulen eingeschult. An der Geschwister-Scholl-Schule wird so seit 2007 verfahren. Derzeit haben wir zehn Kinder mit Förderbedarf. Pro Jahr wechselt ein Kind von unser Grundschule zur Förderschule. Eine vollständige Inklusion gibt es in keinem Land der Welt.

Zur Einführung der Inklusion in Brandenburg sucht das Land Pilotschulen, auch in der Schollschule bestand die Überlegung, sich daran zu beteiligen. Die Mehrheit der Lehrer hat sich jedoch dagegen ausgesprochen, weil die Rahmenbedingungen für eine inklusive Schule nicht stimmen, weil sie sich teilweise überfordert fühlen und enormer Fortbildungsbedarf besteht. Wenn man den Bedürfnissen aller Kinder gerecht werden will muss es eine flexible zusätzliche Personalausstattung geben, damit schnelle Hilfe organisiert wird, wenn in den Klassen Probleme auftauchen. Das Staatliche Schulamt und die Jugendhilfe müssen sich praktikabel vernetzen, die Einzelschule muss mehr Autonomie erhalten. Schnelle Hilfe bedeutet auch, dass therapeutische Fachkräfte, Logopäden und Ergotherapeuten, zur Verfügung stehen.

Internationale Studien zeigen, dass die Inklusion für alle Seiten Vorteile bringt, die guten Schüler lernen nicht schlechter, die Förderschüler aber besser. Und alle erwerben eine höhere soziale Kompetenz. Die inklusive Bildung muss außerdem zwingend auf die Sekundarstufe I ausgeweitet werden, sie darf nicht nach der 6. Klasse enden. Die skandinavischen Länder zeigen erfolgreich Lösungswege. (Peter Awe)


CONTRA

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben und sich zum Aufbau eines inklusiven Bildungssystems verpflichtet. Daran fühlt sich die CDU auch gebunden und wir wollen das nicht nur aus völkerrechtlicher Verpflichtung, sondern auch aus christlicher Verantwortung heraus. Es kann schließlich nicht in unserem Sinne sein, dass Kinder aufgrund ihrer Behinderung von bestimmten Lebensbereichen ausgeschlossen werden. Allerdings schreibt die Konvention auch an keiner Stelle vor, dass Kinder mit Behinderungen dazu verpflichtet werden müssten, die Regelschule zu besuchen und Förderschulen zu schließen wären. Das ist eine eigenwillige Interpretation der Landesregierung.

Dennoch sehe ich eine große Chance, die in einem solchen Paradigmenwechsel steckt: Kinder wachsen gemeinsam miteinander auf und merken, dass Behinderungen etwas Normales sind. Etwas, das zum Alltag gehört.

Für einen solchen tiefgreifenden Einschnitt in die Bildungswelt braucht man jedoch die Akzeptanz aller Beteiligten. Die gewinnt man jedoch nicht, wenn man, so wie SPD-Bildungsministerin Münch, als erstes die Schließung der Förderschulen bis 2019 verkündet und dann immer wieder erkennen lässt, dass man darüber hinaus kein Konzept hat.

Aus unserer Sicht sollte in einem ersten Schritt ein solches Konzept gemeinsam mit allen Beteiligten erarbeitet werden. Dieses Konzept muss Standards zu Klassengrößen, räumlichen und sachlichen Voraussetzungen und zum notwendigen Personal enthalten. Da all diese Voraussetzungen sicher nicht über Nacht zu erreichen sind, kann der Einstieg in ein inklusives Schulsystem nur schrittweise, mit der Einrichtung von Inklusionsschulen auf freiwilliger Basis geschehen. Es mag zum Teil verwundern, das die Landesregierung aus SPD und Linken kein solches Konzept hat. Auf der anderen Seite erscheint es mir sehr konsequent, denn würde Frau Münch tatsächlich fachlich begründete und verbindliche Standards erarbeiten lassen, wäre klar, dass Inklusion eine Herausforderung darstellt, die nicht zum Nulltarif zu haben sein wird. (Gordon Hoffmann)

Quelle: www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12240011/61469/Die-Inklusion-ist-das-neue-heiss-umstrittene-Thema.html

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